Das Gebäude des Vera C. Rubin Observatorium auf dem Gipfel des Cerro Pachón in Chile

Vera C. Rubin Observatorium: Blick in die Zukunft

Reisen

In Chile wird Geschichte geschrieben

Ein Visionär, eine Idee, eine Serviette: So beginnen Erfolgsgeschichten. In diesem Fall war die Kritzelei im Restaurant vor vielen Jahren der Beginn von etwas ganz Großem. So groß wie ein Kleinwagen. Die Rede ist von der weltgrößten Digitalkamera, die im Vera C. Rubin Observatorium in den chilenischen Anden verbaut ist. 1,65 Meter auf 3 Meter, 2.800 Kilogramm schwer, mit einer Bildauflösung von 3.200 Megapixeln. Zum Vergleich: Eine Mittelklassekamera verfügt mit 40 Megapixeln über einen Bruchteil davon.

Die Geschichte ist schon eine Erfolgsgeschichte, bevor sie überhaupt begonnen hat. Denn aktuell befindet sich die Technik noch im Testbetrieb. Erst wenn alles perfekt läuft, jedes kleinste Detail sitzt, startet der Forschungszeitraum. Dann wird die Kamera jede Nacht den Himmel fotografieren, von der Erde bis hinter die Milchstraße blicken und alles dokumentieren. Alle drei Sekunden ein Bild. 5,5 Millionen Bilder in zehn Jahren. 60 Petabytes Daten. Gespeichert in der Cloud. Für jeden zugänglich. Nicht gleich zu Beginn, aber nach sechs Monaten. Das Vier-Augen-Prinzip weitergedacht, mit Faktor x multipliziert. Schwarmintelligenz. Wissenschaft für alle und für jeden zugänglich, der sich dafür interessiert, ob Astrophysiker oder Hobbyastronom, ob Profi oder Laie.

Der Berg: rauf auf 2.647 Meter

Ein Konzept, von dem auch wir profitieren, als wir eher durch Zufall entdecken, dass die Observatorien des NOIRlab für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Die Einrichtungen sind an verschiedenen Standorten zu finden: in Arizona, auf Hawaii und in Chile. Schließlich soll möglichst alles erforscht werden, der Himmel der nördlichen wie der südlichen Hemisphäre. Das chilenische Elqui-Tal eignet sich für die Himmelsbeobachtung besonders gut. Die Gegend ist dünn besiedelt, sodass es kaum Lichtverschmutzung gibt. Das Klima ist trocken und die Luftfeuchtigkeit sehr gering. Der Himmel ist meist wolkenlos, vor allem auf mehr als 2.000 Metern, wo die Kuppeln der Observatorien in der Sonne glänzen.

Silbern funkelt Gemini Sur vom Cerro Pachón, gleich daneben das Inter-American Observatory vom Cerro Tololo. Vera C. Rubin wirkt dagegen eher unscheinbar. Auch wenn es in der Sonne glitzert, erinnert die Form nicht gleich an ein Himmelsobservatorium. Statt einer runden Kuppel schmiegt sich das neueste Forschungszentrum von NOIRlab als eine Art Oktagon an den Cerro Pachón. So trotzt es besser den heftigen Winden, die oft in hohen Geschwindigkeiten über das Bergplateau fegen. 

Ein Bus bringt uns gemeinsam mit rund 20 anderen Besuchern bis ganz nach oben auf den Berg. Die kurvige Schotterstraße führt von 500 auf 2.647 Meter. Die Landschaft ist karg, hier hat es schon seit langer Zeit nicht mehr geregnet. Nur braun vertrocknete Büsche und rot blühende Kakteen wachsen an den Hügeln rechts und links der Straße. Langsam kämpft sich der Bus nach oben, Serpentine um Serpentine. Der Morgendunst bleibt hinter uns im Tal zurück, der Himmel zeigt sich immer klarer, immer blauer und immer strahlender.

Der Himmel: so blau

Es ist, als würde ich zum ersten Mal richtig sehen, als wäre ich nicht kurzsichtig, sondern die ganze Welt um mich herum bis heute unscharf gewesen. Die Felsen, die Steine, jeder Busch und jeder Kaktus wirken in der Luft der Anden hochaufgelöst und klar umrissen. Die Linie zwischen Bergkamm und Himmel verschwimmt nicht vor meinen Augen. Jedes Detail ist exakt zu erkennen. Sogar die Kaktusstacheln, die in Hunderten Metern Entfernung in den Himmel ragen, ihn anpieksen wollen, sodass sich das dunkle Blau wie eingefärbter Zuckerguss über den Gipfel ergießt, sind konturscharf. Hier, auf fast 2.700 Metern Höhe dürfen wir 8K-TV im Elektrofachmarkt-Demomodus live erleben. Die Bilder, von denen man glaubt ‚gibt’s doch gar nicht‘, erwachen hier zum Leben.

Nach einer Stunde erreichen wir das Ziel. Ein Panoramablick nach allen Seiten, unendliche Weite die umliegenden Gipfel der Anden zum Greifen nah. Vor uns reckt sich das Vera C. Rubin Observatorium in den Himmel, dessen Blau schwer in Worte zu fassen ist. Einfach nur hier zu stehen, fühlt sich spektakulär an. Doch es wird noch eindrucksvoller. Mit einer gelben Warnweste und einem weißen Baustellenhelm bekleidet, geht es am Grundstein vorbei ins Innere des Gebäudes. Ein paar Treppenstufen führen uns nach oben. Schnell schon merke ich die Höhe, dafür bin ich einfach nicht gemacht. 

Die Technik: live dabei

Erster Stopp: Kontrollraum. Hier, in diesem unscheinbaren Büro mit absperrbaren Spinden an der Wand, einem Karton mit Partyhütchen und Bunnyöhrchen im Regal, ein paar Schreibtischen und vielen Monitoren wird bald schon Geschichte geschrieben. Da bin ich mir sicher. Während wir Besucher alles erklärt bekommen, inspizieren Mitarbeiter die Bilder der vergangenen Nacht – und wir dürfen ihnen dabei über die Schulter schauen. Zusammen mit den Kameraaufnahmen werden viele weitere Daten erfasst: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Lichtverschmutzung, Wind, Staubpartikel. So ergibt sich ein Gesamtbild, das analysiert werden kann.

Weiter geht’s. Der Rundgang führt uns durch die Halle, in der der Spiegel des Teleskops mit Silber beschichtet wird, und Kamerasensoren auf ihren Einsatz warten. Als nächstes dürfen wir in den Technikraum spitzen. Wie die Tentakeln mehrerer ineinander verschlungener Oktopusse baumeln über unseren Köpfen allerlei schwarze Kabel und Schläuche, dünne und dicke. Sie versorgen die Kamera und das Teleskop mit Strom, übertragen Daten und transportieren Stickstoff zum Kühlen der Kamerasensoren. Doch nicht nur diese werden gekühlt. Damit die Spiegel nicht beschlagen und alles sofort einsatzbereit ist, sobald sich die sternenklare Nacht über den Cerro Pachón legt, herrscht im Technikraum und beim Teleskop rund um die Uhr Nachttemperatur. Wenn man dem Thermometer vor der Tür Glauben schenken darf, beträgt diese knapp acht Grad. 

Das Herzstück: stehen und staunen

Nur noch ein paar weitere Stufen trennen uns vom Herzstück des Observatoriums. Als wir schließlich durch die letzte Metalltür treten, sehen wir erst mal nichts außer Stahl und Beton. Erst der Blick nach oben lässt uns Kamera und Teleskop erahnen. Die Spiegel des Teleskops liegen fast völlig hinter der Kamera versteckt. Sie sind so blank poliert, dass man meint hindurchzuschauen.

Weit über uns, mittig zu den Spiegeln, ist die Kamera mit all ihren Sensoren zu sehen. Sie ist nur mit einem Hubsteiger zu erreichen. Von seinem Korb aus schrauben zwei Mitarbeiter an der Kamera. Auch sonst herrscht rege Geschäftigkeit. Jeder kennt seinen Job. Jeder weiß, was zu tun ist. Jeder Handgriff sitzt. So wirkt es auf uns. Denn tagsüber wird alles getan, damit sich nachts nur noch die große Himmelsluke öffnen muss und die Kamera ihren Dienst tut. Zehn Jahre lang, jede Nacht, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, alle paar Sekunden ein Bild, den Fokus auf unendlich eingestellt. Schätzungsweise werden 20 Milliarden Galaxien gefunden und ebenso viele Sterne. Was wohl darin stehen mag?

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Hier schreibt Andrea

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