Versuch macht kluch
Da sitzen wir nun auf unseren Campingstühlen am Meer, die bestrumpften Füße hochgelegt. Der Sonnenschein trügt, die Luft an der Pazifikküste bleibt kühl. Die Wellen brechen sich donnernd am Strand. Manchmal knallt es regelrecht, wenn die Wassermassen aufeinander klatschen. So laut, dass es mich nachts mehrfach aus dem Schlaf reißt. Es ist dennoch ein erholsamer Schlaf, wie ich ihn schon lange nicht mehr hatte. Denn so romantisch es klingt, mit dem Campervan von einem schönen Platz zum nächsten zu tingeln, so anstrengend ist es auch. Man weiß nie, was man bekommt.
Wo wir abends schlafen, wissen wir morgens noch nicht. In dünn besiedelten Regionen stehen die Chancen gut, dass wir für uns sind. Dann geht es meist ein Stück über eine Schotterstraße bis zu einem abgelegenen Platz am Ufer eines Flusses, am Fuß eines Vulkans oder am Strand des Pazifiks. Das sind die guten Tage, an denen uns maximal ein paar Vögel, Füchse, Schafe oder Kühe umgeben.


Gute Nächte, schlechte Nächte
An den schlechten Tagen stehen wir auf einer Schotterfläche am Ende einer Strandpromenade, an einer vielbefahrenen Straße neben dem Stadtpark oder an einem Partyparkplatz, an dem deutlich jüngere Menschen als wir bis tief in die Nacht ihre Dum-Di-Di-Dum-Di-Beats hören. Oft freuen wir uns bei unserer Ankunft noch darüber, dieses Idyll für uns allein zu haben, bis sich die Plätze gegen Abend langsam mit drei, vier Autos füllen. Karamba, Karacho – Handbremse ziehen, durch den Staub schlittern und die Musik aufdrehen. Aus den Boxen ertönt immer der gleiche Sound, stundenlang. Dum-Di-Di-Dum-Di. Es ist dieser einen Takt, in dem ganz Chile und Argentinien schwingt. Stellt euch einen Gaucho auf seinem Gaul vor, der lässig durch die Prärie trabt. Auf und ab. Dum-Di-Di-Dum-Di.
Erst gestern waren wir an einem solchen Platz: ein Flussufer, eine Schlucht, ein Wasserfall. Der Parkplatz füllt sich. Plötzlich ein Rumms, ein absterbender Motor: Eine junge Frau hat ihren alten roten Golf beim langsamen Rangieren rückwärts gegen eine stattliche Eiche gesetzt. Es ist einer der drei Bäume, die hier stehen. Ich lache später, sie nicht. Kurz darauf treffen weitere junge Leute ein. Get the Party started. Dum-Di-Di-Dum-Di. Als die Gruppe abzieht, ist es auch schon an der Zeit, dass die Hähne in der Nachbarschaft krähen. An erholsamen Schlaf ist heute nicht zu denken.

Zu laut
So froh wir auch sind, nach all den windigen, kalten oder regnerischen Nächten in Patagonien endlich wieder das Bett in unserem Aufstelldach zu nutzen, so laut ist es dort oben auch. Jedes Geräusch dringt ungedämpft direkt in unsere Ohren. Das Plätschern eines Baches verwandelt sich in ein lautes Rauschen. Liebliches Vogelgezwitscher entpuppt sich als schrilles Geplärr.
Trotzdem genießen wir die Nächte, in denen wir oben schlafen können. Denn das bedeutet, dass uns weder der Wind das Dach wegblasen kann, noch dass wir vor Kälte frieren müssen. Dach aufstellen, Bettzeug ausbreiten, hochkraxeln, schlafen: Das war‘s. Unten zu schlafen, bedeutet für uns einen viel größeren Aufwand: Teile des Gepäcks anders verstauen, Rückbank umlegen, Matratze aufblasen und am nächsten Morgen alles zurückbauen. Immerhin haben wir es dann nachts kuschelig warm und ruhig.



Zu leise
Egal, ob wir oben oder unten schlafen, manchmal ist es zu ruhig. Oft höre ich die absolute Stille, die es an abgelegenen Orten gibt, laut und deutlich. Dann liege ich wach da und lausche in die Nacht. Es kann doch nicht sein, einfach nichts zu hören. Also rein gar nichts. Überhaupt nichts. Wie sehr freue ich mich dann, wenn der Ruf eines Kauzes die Stille der Nacht durchdringt oder der Wind die Blätter der Bäume zum Rascheln bringt.
Nur eines stört an diesen Orten der absoluten Stille: langsame Fahrgeräusche inmitten der Nacht. Umgeben von nichts. An einer Straße, von der man gar nicht dachte, dass sie irgendwohin führt. Dann hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass nicht alle Menschen schlecht sind. Der Großteil scheint sogar ganz nett zu sein. So auch die Polizisten, die manchmal unvermittelt hinter uns stehen – an abgelegenen Plätzen in der Pampa oder an Strandpromenaden in der Stadt. Ein kurzer, freundlicher Check, ob alles ok ist, schon sind wir wieder allein. So wie hier, am dunklen Strand des Pazifiks, umgeben von der Natur. Nur hin und wieder fährt ein Auto vorbei. Dum-Di-Di-Dum-Di.
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