Endlich wieder Landschaft
Enge Kurven, fehlende Leitplanken, tiefe Abgründe. Dazu: Schotter, Schlaglöcher und Achterbahnfeeling. Wir haben viel über die Ruta CH-265 in Chile gelesen und waren etwas ratlos, ob diese Straße für uns und unseren Mercedes Marco Polo Horizon zu befahren ist. Denn unser Campervan ist eher für deutsche Autobahnen mit Asphalt gebaut, als für Schotterpisten mit Waschbrett.
Klar haben wir damals beim Kauf einen Allradantrieb auf unsere Wunschliste geschrieben. Der war aber leider nicht drin. Über eine Höherlegung und All-Terrain-Reifen haben wir für unser Südamerika-Abenteuer auch kurz nachgedacht. Und wenn wir schon mal dabei sind: Eine Heckhalterung fürs Ersatzrad und den Reservekanister, Sandbleche und überhaupt ein Land Rover oder irgend ein anderes Modell mit Land im Namen wären für die hiesigen Straßenverhältnisse etwas angemessener gewesen.
Manchmal muss man aber fünf gerade sein lassen, sich auf die Schenkel klopfen, aufstehen und einfach los. Denn sonst wird nichts aus den großen Träumen und all den Plänen. Man kann sie nur schmieden, so lange sie heiß sind. Oder so ähnlich.



Entscheidungen des Lebens
Also stehen wir auf unserer Reise mal wieder vor einer dieser vielen Entscheidungen, die wir täglich treffen müssen. Sie ist fast so wichtig wie: Dach hochklappen oder nicht? Wecker stellen oder nicht? Draußen kochen oder nicht? Noch nen Keks oder nicht? Die wirklich großen Entscheidungen treffen wir wohlüberlegt und wohlinformiert nach einer Runde Würfeln am Morgen. So wie heute: Mit dem Campervan ohne Allradantrieb und mit fragwürdiger Bodenfreiheit auf der Ruta 265 um den See oder mit der Fähre über den See?
Wird so schlimm nicht sein, sagt der Bauch. Wenn der verratzte Reifen dann aber auch noch ganz den Geist aufgibt, fragt der Kopf. Also: Kopf ausschalten, auf den Bauch hören und rein in die Achterbahn der Gefühle. Mehr als das war es nicht. Ein paar Kurven, ein paar Engstellen, ein bisschen Steigung und Gefälle, viel Schotter und ein bisschen Beton. Für echtes Achterbahnfeeling fehlt allein schon die Geschwindigkeit. Denn wir fahren ganz gemütlich vor uns hin, so grandios ist das Panorama. Endlich wieder Landschaft, endlich wieder Bäume und Sträucher. Nach Hunderten, ach was sag‘ ich, Tausenden Kilometern Steppe freuen wir uns über die Abwechslung.



Wolken wie Rauchzeichen
Neben uns liegt ein See mit anbrandenden Wellen, am Horizont zeigen sich übergletscherte Berge, dazwischen ragen steile Felswände empor und Bächlein plätschern vor sich hin. Die Vegetation ist so üppig, saftig grün und abwechslungsreich wie seit Wochen nicht mehr. Eine einzelne blaue Lupine blüht am Straßenrand und bringt mein Herz zum Juchzen. Die längst verblühten Heckenrosen tragen ihren Teil dazu bei. Die Sträucher sind über und über voll mit Hagebutten. Prall und glänzend leuchten sie rot in der Sonne. Sie warten nur darauf, geerntet und von ihren fein behaarten Kernchen befreit zu werden, um das Fruchtfleisch zu Hagebuttenmarmelade zu verarbeiten: Mermelada de mosqueta ist im südlichen Chile beliebt und steht im Supermarktregal ganz vorne.
Als unser Marco Polo jede Kurve grazil genommen und jede Steigung kraftvoll gemeistert hat, machen wir kurz vor der legendären Ruta 7, der Carretera Austral, an einem Aussichtspunkt Halt. Hier werden wir unser Lager für die Nacht aufschlagen. Vor uns glitzert der Lago General Carrera in der Sonne, dahinter erheben sich majestätisch die überzuckerten Berge, davor wiegen sich die Hagebutten im lauen, patagonischen Wind. Am Himmel zeigen sich vereinzelt Wolken. Sie schweben wie in Zeitlupe auf uns zu und muten wie leuchtend weiße Rauchzeichen an, die uns sagen wollen: Alles ist gut.


Ein Hund namens Pancho
Über Nacht wandeln sich die weißen Rauchzeichen in grauen Regen. Wir beginnen zu verstehen, warum die Vegetation hier in Chile so viel grüner und abwechslungsreicher ist, als nur wenige Kilometer weiter östlich in Argentinien. Geregnet hat es dort zwar auch, aber nicht in dieser Dimension. Der See versteckt sich hinter einem Regenvorhang und auch das Leuchten der Hagebutten ist verschwunden. Kaum tritt man ins Freie, ist man auch schon nass.
Unserem neuen Freund, mit dem wir uns am Vortag bekannt gemacht haben, scheint das Wetter nichts auszumachen. Plötzlich stand er abends da: ein Hund mit Halsband, aber ohne Herrchen. Wir beschnuppern uns neugierig und entwickeln schnell Sympathie füreinander. Es dauert nur drei Leckerli, da frisst uns Pancho, wie wir ihn und jeden Hund auf unserer Reise nennen, auch schon aus der Hand. Ganz vorsichtig und behutsam nimmt er die Hunde-Leckerli entgegen, die wir für den Fall der Fälle in unserer Vorratsschublade lagern.
Am nächsten Morgen ist er wieder da. Wie aus dem Nichts. Inzwischen scheint er uns schon zu vertrauen, macht ohne Aufforderung Sitz und Platz und freut sich über seine Anerkennung. Als wir schließlich abfahren, winke ich ihm zu und werfe ihm ein Kusshändchen hinüber. Im Rückspiegel treffen sich unsere Blicke ein letztes Mal. Da steht er auf der Straße der Sehnsucht und schaut uns noch lange hinterher.


Digitale Kaffeekasse
Unsere aktuelle Reise führt uns quer durch Südamerika – über endlose Straßen und die Anden bis ans Meer. Wenn dir unsere Geschichten gefallen, freuen wir uns über Großes, Kleines, klein Gefaltetes oder einfach eine digitale Spende über PayPal. Das hilft uns dabei, weiter unterwegs zu sein und unsere Reisegeschichten mit dir zu teilen. Danke für deine Unterstützung!

