Durch den Regenbogen – und zurück
Mehr als 100 Wanderwege durchziehen den Torres del Paine Nationalpark im chilenischen Patagonien. Wer was auf sich hält und Kondition mitbringt, der läuft mindestens den W-Trek, besser noch den O-Trek, notfalls ein C. Die Mehrtageswanderungen führen die Outdoorbegeisterten weit raus in die Natur und ganz nah ran an die drei Granitnadeln, die hier im Parque Nacional Torres del Paine so ikonisch in den Himmel ragen. Übernachtet wird im eigenen Zelt, im Mietzelt oder im Mehrbettzimmer in einem der Refugios. Die Preise für den unvergleichlichen Outdoorspaß sind meist mindestens so hoch wie die Türme selbst. Für sein Geld bekommt man immerhin genau den Luxus, den man auf so einem Abenteuer erwarten darf: nämlich keinen.
Base de las Torres Hike
Es geht aber auch ganz anders. Dann macht man sich frei von dem Gedanken, unbedingt einen der Mehrtagestreks in der vorgegebenen Zeit ablaufen zu müssen. Man verabschiedet sich davon, Hunderte Euro in quasi Nichts – abgesehen vom unbezahlbaren Abenteuer – zu investieren. Und man akzeptiert, dass man für das alles eh viel zu spät dran ist. Denn: So ein Wanderausflug will gut geplant und Monate im Voraus gebucht sein, heißt es in Reiseführern wie -blogs.
Sobald dann noch die letzten Zweifel überwunden sind, die einem immer und immer wieder weismachen wollen, dass man derzeit selbst für eine Tageswanderung zu unfit ist, geht es auch schon los. Erst mal auf eine kleine Tour, um sich einzulaufen. Bei bestem Wetter versteht sich. Wobei das hier in Patagonien lediglich heißt, dass es nicht den ganzen Tag wie aus Kübeln schüttet oder der Wind einem fast das Dach vom Auto bläst. Wenn wir in den letzten Wochen etwas gelernt haben, dann dass hier andere Maßstäbe gelten. Am folgenden Tag sollte es dann gut vorbereitet über den Base da las Torres Hike zur Basis der Türme gehen.
Überraschungen am Wandertag
Nachdem uns der Torres del Paine Nationalpark bei unserer Ankunft abends mit einem spektakulären Schauspiel empfangen hatte, bei dem man meinte, der Himmel stünde in Flammen, hielt er auch an unserem großen Wandertag einige Überraschungen für uns bereit.
- 7 Uhr: Wir brechen mit dem Camper vom Stellplatz in Richtung Welcome Center auf.
- 7:03 Uhr: Ein Puma kreuzt unseren Weg. Erst schlendert er gemütlich rechts neben der Schotterpiste durchs Gras, ehe er vor unserem Camper die Straßenseite wechselt, kurz aufschaut und unbeirrt weitergeht. Bis zu diesem Moment hatte ich tatsächlich geglaubt, dass die gelben Puma-Warnschilder eher nett gemeinte Hinweise für attraktionshungrige Touristen sind, als echte Gefahrentafeln. Zumindest habe ich die Wahrscheinlichkeit, hier wirklich einem wild lebenden Puma zu begegnen, bei null eingeordnet.
- 7:28 Uhr: Flamingos stehen in einer Lagune. Gestern, als wir sie besuchen wollten, waren sie noch nicht da.
- 7:42 Uhr: Ein doppelter Regenbogen erstreckt sich von links nach rechts über die drei Granittürme. Zumindest wissen wir ganz genau, dass die Torres sich da irgendwo unter dem Regenbogen verstecken, denn sehen tun wir sie nicht. Die Berge sind wolkenverhangen, die Gipfel nicht mal zu erahnen.
- 7:50 Uhr: Am Welcome Center angekommen, kann keiner meine kindliche Begeisterung für den Regenbogen teilen. Mir scheint: Sie haben nur Augen für die wolkenverhangenen Granittürme und den Regen. Ich dagegen konzentriere mich auf den Regenbogen. Glücksbärchis rutschen darüber, ein Topf voll Gold glitzert am Ende, Teletubbies winken mir zu.
- 8:00 Uhr: Wir wandern los. Die Sonne in unserem Rücken, der anhaltende Regenbogen und der Regen, der das Farbenspiel erst ermöglicht, vor uns.



Beim Regenbogen rechts
Es dauert nicht lange, bis wir den Anfang des Regenbogens erreichen. Dort geht es nach rechts. Rein in den Regen und rauf auf den Berg. Während wir den ersten Kilometer in der Sonne auf einem ebenen Weg spazieren durften, wird es jetzt ungemütlich. In vielerlei Hinsicht. Wir ziehen unsere Regenjacken über und packen unsere Rucksäcke in ihre grellbunten Schutzhüllen. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Das wird sich für die nächsten Stunden auch nicht ändern. Der Wetterbericht hatte für unseren großen Wandertag lediglich ein paar Wolken vorhergesagt, doch das Wetter in Patagonien ist unberechenbar. Davon dürfen wir uns heute selbst überzeugen.
Stetig folgen wir dem gut markierten Weg. Schritt für Schritt. Immer weiter nach oben. Immer im eigenen Tempo. Konstant langsam, ohne viele Pausen. 9 Stunden, 20 Kilometer, 900 Höhenmeter, 36.000 Schritte werden es am Ende sein. Hin und Zurück. Erst steil, dann steiler. Erst durch Wald, dann durch Fels. Zwischen dem bergauf immer wieder bergab. Ein bisschen Spaß muss sein. Wir werden von ganzen Gruppen schnellerer Wanderer überholt. Denn trotz des Regens wandern wir nicht allein. Hier wartet man nicht auf besseres Wetter, man arrangiert sich mit den vorherrschenden Bedingungen.



So was wie Sonne
Endlich dürfen die wind- und wetterbeständigen Outdoor-Klamotten in ihrem natürlichen Habitat zeigen, was sie wirklich können. Unsere Ausrüstung kann einiges. Die Nässe dringt nicht von außen nach innen, was wir als Teilerfolg werten. Denn trotzdem sind wir tropfnass, als wir an unserem Ziel ankommen. Regen, Rotz oder Tränen rinnen von unseren Nasenspitzen. Das Wander-T-Shirt vollgesogen mit dem Schweiß der Anstrengung der vergangenen Stunden. Aber kann man sich etwas Schöneres vorstellen, als bei anhaltendem Dauerregen, Temperaturen im einstelligen Bereich, Windböen, die einen aus dem Gleichgewicht bringen und vor zig anderen Touristen erst mal blank zu ziehen, um sich in sein Wechsel-T-Shirt zu schmeißen und Lage um Lage draufzupacken, um den Zwiebellook zu perfektionieren?
Immerhin haben wir alles dabei. Andere stehen in kurzer Hose, T-Shirt und Festival-Poncho hier an der Lagune. An der Lagune, die für mich heute die Welt bedeutet. Von der ich dachte, dass ich sie niemals erreichen könnte und nun trotzdem hier stehe. Türkisblau liegt sie mir und den drei Türmen zu Füßen, die majestätisch über ihr thronen. Windböen fegen über das Wasser, treiben es vor sich her, lassen es nur so spritzen. Die Wolken über den Gipfeln sind in ständiger Bewegung. Irgendwo zeigt sich ein blaues Loch in der Wolkendecke und lässt ein paar Sonnenstrahlen über die Lagune und die angrenzenden Felsen tänzeln. Für einen Moment glitzert das Wasser, das in kleinen Bächen den Stein hinunter rinnt und der See funkelt – so wie die Freudentränen, die sich unbemerkt in meine Augen geschlichen haben. Vielleicht war es aber auch nur der Wind, der meine Augen zum Tränen brachte.


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