Pinguine in Patagonien an der argentinischen Atlantikküste.

Sie sind überall

Wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Wo man nachts sein Blut in den Ohren rauschen hört, bevor es fast gefriert. Wo die Luft so trocken ist, dass es staubt. Wo sich das Sternenzelt über diese mondlose Nacht spannt und der Himmel funkelt wie feinster Diamantenstaub. Das muss die Pampa sein. Ist sie aber nicht. Wir haben inzwischen die karge Landschaft der Pampa hinter uns gelassen und auf unserem Weg nach Süden nun viele hundert Kilometer argentinische Steppe vor uns. Willkommen in Patagonien!

Kakeliges Gestrüpp, verdörrte Grasbüschel, dazwischen immer wieder kniehohe Sträucher, über und über voll mit kleinen sternförmigen, stacheligen, gelben Blüten. Mit etwas Glück mal ein paar sandige Hügel, meist unendliche Weite. Dazwischen zieht sich die Straße dahin, dieser leere Korridor durchs Nichts, dem wir uns arglos anvertrauen. Die Hitze flimmert auf dem Asphalt. Wenn es denn welchen gibt. Wenn nicht, blicken wir die endlos scheinende, staubige Schotterpiste entlang bis zur nächsten Biegung oder einer Anhöhe. Die Reifen rattern darüber, Steinchen schlagen gegen die Karosserie, Schiebetüren quietschen. Sobald wir langsamer werden und die Geräuschkulisse verstummt, klingeln unsere Ohren. 

Tierchen und Tiere in Südamerika: einfach überall

Ein Gürteltier kreuzt die Straße – schon wieder. Wir freuen uns über jedes einzelne, können uns nicht daran sattsehen, wie sie zügigen Schrittes vor unserem Auto daherwieseln. Auch von der restlichen Natur bekommen wir einfach nicht genug. All das Leben, das in dieser unwirtlichen Gegend zwischen den Büschen und Gräsern lebt, darauf sitzt oder es sich in Erdlöchern gemütlich macht.

Man muss nur genau hinsehen, dann entdeckt man hier Chicos, Füchse und Hasen, Guanacos, allerlei Vögel. Zu unseren liebsten gehören die Pinguine. Sie würde man hier am allerwenigsten erwarten, bei sommerlichen Tagestemperaturen zwischen 20 und 30 Grad. Doch genau jetzt ist die Zeit, da die Magellan-Pinguine an Land kommen, um ihren Nachwuchs aufzuziehen. Jetzt sitzen sie in dieser kargen Landschaft in ihren Bruthöhlen. Oder sie wackeln von ihrer Bruthöhle zum Meer. Manchmal tapsig, stolpernd, manchmal schalten sie den Turbo ein und legen eine Eleganz an den Tag, die man ihnen nicht zutrauen würde. Sie sitzen, stehen, liegen, laufen einfach überall. Im Schatten, in der Sonne, auf dem Weg, neben dem Weg. Jungtiere reißen ihre Schnäbel auf und betteln nach Futter, Alttiere schlagen beim Schnabel-Fechten ihre Schnäbel gegeneinander. Sie schnattern, sie trompeten, sie schnauben. Und sie geben Laute von sich, die an das I-A von Eseln erinnern. Was die Pinguine auch tun, man muss sie einfach lieben.

Pinguine in Punta Tombo: mittendrin statt nur dabei

Punta Tombo an Argentiniens Atlantikküste beheimatet die größte Magellan-Pinguin-Brutstätte der Welt mit mehr als 130.000 Tieren. Einigen von ihnen durften wir bei unserem Besuch begegnen. Die Schotterpiste führt uns auf direktem Weg zum Besucherzentrum und weiter zum Bretterpfad, an dem ein Parkranger uns instruiert: Zwei Meter Abstand zu den Tieren halten; wenn Pinguine den Weg kreuzen, müssen wir stehen bleiben; die Pinguine nicht anfassen.

Wir nicken alles ab und merken schon nach den ersten Metern, dass es gar nicht so leicht ist, die Regeln zu befolgen. Punta Tombo ist Pinguingebiet, hier haben sie das Sagen. Und wenn sie direkt neben dem Holzbohlenweg nisten möchten, dann tun sie das. Und wenn sie auf dem für uns Menschen hingezimmerten Pfad zu mehreren stehen wollen, dann tun sie auch das. Abstand halten? Unmöglich! Denn sie kommen gar nicht auf die Idee, uns Eindringlingen Platz zu machen, aus dem Weg zu gehen oder verschreckt das Weite zu suchen. Es ist faszinierend, wie unbeeindruckt sich die Magellan-Pinguine geben und wie nah wir am Geschehen sein können.

Der Weg führt uns bis zu einem Aussichtspunkt am Meer. Dort am Ufer stehen die Tiere dicht gedrängt, vor allem ältere Jungtiere mit ihrem noch grauen und teilweise flauschigen Gefieder. Manche hocken da und blicken aufs Wasser, vielleicht noch unschlüssig, ob sie heute wirklich schon ihren ersten Schwimmversuch unternehmen sollen. Einem der Jungtiere wird diese Entscheidung abgenommen. Eine kleine Welle spült es Hals über Kopf aber doch sanft ins Wasser. Es purzelt, es kämpft, es schwimmt. Und rettet sich wieder an den sicheren Strand. Spätestens in ein paar Wochen wird das Meer und nicht mehr das Land seine Heimat sein. Denn nur zur Brutzeit sind die Pinguine hier anzutreffen, bald schon führt sie ihr Weg an der Atlantikküste entlang bis nach Brasilien. Dann begeben sie sich nur ans Ufer, wenn sie krank sind – oder ölverschmiert, lesen wir auf einer der vielen Informationstafeln am Weg.

Pinguine in Puerto Madryn: gewusst wo

Zwar ist in Punta Tombo in Argentinien die größte Magellan-Pinguin-Brutstätte der Welt, aber nicht die einzige. Bereits ein Stück weiter im Norden, in der Nähe von Puerto Madryn, sind wir auf einige Exemplare gestoßen. Der Weg dorthin war deutlich beschwerlicher als nach Punta Tombo.

70 Kilometer widrige Schotterpiste – bis wir unser Auto stehen lassen mussten und es für uns einige Kilometer zu Fuß bis zur Steilküste weiterging. Dann nur noch die 50 Meter hohe Steilküste nach unten zum Strand bewältigen. Es ging durch bröseligen Stein, feinsten Sand und an ausgefransten Seilen hinab. Einige weitere hundert Meter am Kiesstrand entlang und schon zeigten sich die ersten Pinguine. Noch ein paar Schritte und es wurden immer mehr. Keine 130.000. Kein Massentourismus. Kein Bretterpfad. Nur 30. Nur sie und wir. Nur Natur. Und die ist nicht immer schön. So sahen wir leider auch vereinzelt verendete Pinguine am Strand liegen – und Teile eines riesigen Walskeletts.

Wildlife auf der Peninsula Valdes: fast alles dabei

Als wir hier sind, ist die Zeit der Wale längst vorbei. Sie ziehen zwischen Juni und August an der argentinischen Atlantikküste Richtung Süden. Und für die räuberischen Orcas oder Schwertwale ist es noch etwas zu früh. Dennoch haben wir die Hoffnung, auf der Peninsula Valdes die schwarz-weißen Killer anzutreffen. Dort stillen sie ihre Fresslust, indem sie bei Flut die am Strand liegenden Seelöwen attackieren. Das makabere Schauspiel ist nur an wenigen Stränden weltweit zu beobachten. Doch bei unserem Besuch haben die Seelöwen Glück und wir ziehen ein klein wenig enttäuscht wieder ab.

Für uns war der Ausflug trotzdem ein Gewinn. Denn eigentlich ist es doch viel schöner, entspannte Seelöwen mit ihren Jungen zu beobachten, die nicht um ihr Leben fürchten müssen. Wir sehen eine Mutter, die vor unseren Augen ihr Jungtier säugt, zwei Machos, die ihre Meinungsverschiedenheiten am Strand austragen und viele andere Alltagsszenen in einer Seelöwenkolonie. 

Außerdem brüten auch auf der Peninsula Valdes Magellan-Pinguine und lassen sich aus nächster Nähe beobachten. Zu guter Letzt konnten wir auf dem Parkplatz ein weiteres haariges Gürteltier sichten, das mir fast über den Fuß gelaufen wäre. Lediglich die hochgiftige, in Argentinien endemische Natter, die uns auf dem Aussichtspfad begegnet ist, stand nicht auf meiner südamerikanischen Big-Five-Wunschliste. 

Zu viel Natur: unliebsame Begegnung

Erst beim späteren Abgleich meiner Schlangenbilder mit einem Foto der Info-Tafel sehe ich, dass die Schlange ziemlich giftig ist und daher unbedingt genügend Sicherheitsabstand gehalten werden soll, wenn man denn eine Schlange entdeckt. Außerdem soll jede Sichtung einem Parkranger gemeldet werden. Zu spät, wir sind schon längst 1.000 Kilometer weiter im Süden. Dennoch würde mich die Definition von ausreichen Sicherheitsabstand interessieren. Denn als ich die Schlange direkt neben dem Aussichtspfad gesehen habe, war sie vielleicht noch zwei Meter vor mir und zwei Meter hinter Markus. Sie lag ganz friedlich eingerollt in der Sonne. Erst als sie anfing, sich zu bewegen und zu züngeln, wollte ich dann doch schnell weg. Auch muss ich die Notiz an mich selbst mit Nachdruck wiederholen: Nicht jeder Trail ist ein Flip-Flop-Trail. Auch nicht bei 25 Grad.

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Hier schreibt Andrea

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