Parque Nacional Ibera zwei Rinder in der Sumpflandschaft

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Nach unserem Abstecher zu den Iguazú-Wasserfällen geht es endlich Richtung Süden – Patagonien, wir kommen! Also irgendwann dann. Vorerst haben wir allerdings mit einigen Herausforderungen und Ärgernissen zu kämpfen, die unsere Weiterfahrt verlangsamen. Trotzdem nehmen wir uns die Zeit für den Parque Nacional Iberá. Als Ausgangspunkt für einen Besuch entscheiden wir uns für Ituzaingó. Das kleine Städtchen mit rund 20.000 Einwohnern liegt am nördlichen Rand des Nationalparks direkt am Ufer des Rio Paraná, dem Grenzfluss zu Paraguay.

Gewöhnliche Sonderbehandlung

Auf einem Campingplatz mit dem vielversprechenden Namen El Mirador verbringen wir die Nacht. Der Name verspricht nicht zu viel: Mit leicht erhöhtem Sitz oberhalb des Ufers genießen wir mit Blick auf den Sandstrand und den Fluss, der hier wie ein See anmutet, einen traumhaften Sonnenuntergang über Paraguay. Am nächsten Morgen geht es früh raus, der Handywecker klingelt um kurz vor 6, denn schon um 7 Uhr müssen wir an der Touristinfo sein. Dort startet unsere Tour in den Nationalpark. Diese haben wir noch am Vorabend bei einem ortsansässigen Reiseveranstalter gebucht. 

Und das war so: Wir halten beim Tourismusbüro der Stadt und stolpern über einige Sprachbarrieren. Dank Übersetzungsapp bekommen wir die nötigsten Infos und klappern die Anbieter ab – dank Auto sind wir ja flexibel. Es ist 18 Uhr. Der erste Tourenanbieter hat zu, der zweite hat gerade wieder aufgemacht. Er spricht kaum Englisch, wir kaum Spanisch. Aber: Er ist sehr nett und hilfsbereit, tätigt einen kurzen Anruf und fragt eine Tour mit Pferden für uns an. Wir erklären ihm, dass wir gar nicht reiten können. Er fragt uns, ob wir eine Kayak-Tour machen wollen – nein, will ich nicht. Denn Kayakfahren endet für mich im Kentern, was ich auf der Ardeché in Südfrankreich bereits leidvoll erprobt habe. Und da gab es immerhin nur kaltes klares Wasser und keine Kaimane. Also telefoniert er noch ein paar mal und organisiert uns eine normale Tour. So normal ist die aber gar nicht, da nämlich samstags anscheinend keine Touren stattfinden, da Abreisetag ist. Das bedeutet: Wir bekommen eine Privattour. Nur für uns zwei. Für etwa 50 Euro pro Person, ein sehr akzeptabler Preis. 

Geschotterte Wege

Um 7 Uhr stehen wir also voller Vorfreude wieder vor der Touristinfo. Und da kommt er auch schon, pünktlich auf die Minute, der Minibus für 15 Personen. Mit Fahrer Diego und Guide Andrea. Nur für uns. Es gibt nur einen Haken: Wir können immer noch nur un poco español, Diego und Andrea nur un poco ingles. Beide sind super nett und kaum sind wir im Bus, züllen wir schon an Andreas Mate. Schmeckt bitter, Kaffee ist mir lieber.

Diego bringt uns in den Nationalpark, erst ein Stück auf der asphaltierten Straße stadtauswärts, dann geht‘s links rein auf die Schotterpiste. Wir sind schlagartig froh, dass wir uns dagegen entschieden haben, den Parque Nacional Iberá auf eigene Faust und mit eigenem Auto zu erkunden. Denn: Im Reiseführer wurden wir stutzig, als wir in einem Infokasten erst gelesen haben, dass die Asphaltstraßen in gutem Zustand sind, der Top Tipp unmittelbar darunter aber das genaue Gegenteil besagt, nämlich, dass die Straßen mangelhaft sind und nach einem Regenschauer schlammig werden können. Ja was denn nun? Wir haben also auf unser Bauchgefühl vertraut, es war die richtige Entscheidung. Denn schon wird es richtig holprig und bleibt die nächsten sechs Stunden genau so. Mal gut befahrbarer Schotter, mal Buckelpiste, mal Graswiese. Stellenweise werden wir ganz schön durchgeschüttelt. „Gut, um die Knochen zu sortieren und zu reparieren“ witzelt Guide Andrea.

Glänzende Aussichten

Der Duft der Pinienwälder, die wir zu Beginn passieren, weicht schon bald einem frischen Weidegeruch. Nicht dieser Mief nach Kuhpisse und frischen Kuhfladen, die im Stall auf den Boden spritzen. Nein, es ist diese Mischung aus grünen saftigen Wiesen und frischem, vielleicht schon getrocknetem Kuhdung. Viele mögen das als Gestank bezeichnen. Ich assoziiere damit den Geruch von Freiheit, Unbeschwertheit und Glücklichsein. So duftet es auf dem Weg in die Berge, so duftet es auf Almen und Bergwiesen. Ich nehme gerne noch eine Nase davon. 

Meine Augen blinzeln in die Morgensonne, die schon jetzt unmissverständlich klar macht, heute wieder zu Höchstform auflaufen zu wollen. Rechts und links der Schotterstraße liegen Weiden, Sumpflandschaft, von kleinen Kanälen, Rinnsalen, Seen durchsetzt. Die Sonnenstrahlen bringen das Wasser zum Glänzen. Die umliegende Landschaft ist saftig grün. Tautropfen auf jedem Grashalm. Im Gegenlicht liegt dieser samtig-glitzernde, fein-weiße Hauch von Nichts, das – kaum hat es das Licht der Welt erblickt – verdunstet und die nächste Stunde nicht überlebt. 

Gefiederte Freunde

Auf den Pfählen der Weidezäune zeigen sich die ersten Vögel. Adler, Falke, Specht, Kardinal, sie alle haben sich versammelt, um uns zu begrüßen. Diego und Andrea kennen jeden unserer gefiederten Freunde beim Namen, zeigen uns im Vogelbestimmungsbuch die Arten. Wir sehen Störche und Reiher und so viele andere Vögel, die diese Landschaft ihr Zuhause nennen. Manche übertreffen kleine Kälbchen in der Höhe, andere erstaunen uns durch ihre Farbenpracht, so zum Beispiel die bunten Papageien, die irgendwo in einem Baum sitzen. Diego und Andrea wissen genau, wohin sie uns fahren und führen müssen. Die Vielfalt ist beeindruckend. 

Ein paar Kilometer weiter entdeckt Diego den ersten Kaiman im Wasser. Später wissen wir: Sie sind überall. Im Wasser, unter Wasser, neben dem Wasser. Noch etwas weiter zeigen sich die ersten Wasserschweine (Capybaras). Das Bild, das sich uns bietet, ist schon verrückt. Grasende Wasserschweine neben sich sonnenden Kaimanen neben Kühen und Kälbchen neben Pferden, die neben und in den kleinen mit Wasser gefüllten Kanälen stehen, in denen die Kaimane liegen. Und die haben kein Interesse an Säugetieren oder Vögeln. Andrea und Diego versichern uns, dass Kaimane keine Jäger sind und ihre Hauptmahlzeit aus Fisch besteht. Sie liegen regungslos im Wasser, das Maul weit geöffnet. So warten sie darauf, dass ein Fisch vorbeischwimmt, den sie sich ohne jeden Aufwand schnappen können, indem sie ihr Maul einfach zufallen lassen.

Einfache Dinge

Bei einer kleinen Farm machen wir Rast. Ein junger Kerl erwartet uns schon. Im Schatten auf einer Wiese hat er einen Tisch mit drei Stühlen aufgestellt, davor empfängt uns ein liebevoll gedeckter Tisch. Es gibt Kaffee, Tee oder Mate, eisgekühltes Wasser mit Zitrone und ein Körbchen voll Frittata. Teigfladen aus Mehl, Öl und etwas Salz, alles zusammengeknetet, in Form gebracht und ausgebacken. Es zeigt sich mal wieder, dass die einfachsten Dinge oft die besten sind. 

Während wir im Schatten sitzen und genießen, spazieren hinter, neben und vor uns Leguane aller Größen über die Wiese. Wasserschweine grasen oder liegen im Schatten, um zu relaxen. Man muss sie einfach lieben und auch mein Herz habe ich heute an diese Spezies und diesen paradiesischen Ort verschenkt. Libellen schweben durch die Luft, nicht ein oder zwei. Es sind unzählige. Schräg vor uns wächst ein Baum, mit wunderschönen lilafarbenen Blüten, an denen sich ein Kolibri labt. 

Noch mehr Natur

Nur ein Stück weiter steht eines dieser Windräder aus Metall wie man sie aus sepiafarbenen Filmen kennt, die südlich der Grenze zu den USA spielen. Direkt unterhalb der Blätter des Windrads zeigen sich üppige Vogelnester, ebenso wie an den hölzernen Wasserbehältern, die auf Stelzen daneben stehen. Grüne Papageien, unsere alten Bekannten, fliegen hier aus und ein. Wieder ein paar Meter weiter geht es ein Stück auf einem Holzbohlenweg entlang, eine Capybera-Mama mit ihren zwei Babys liegt uns zu Füßen, auch die verschiedensten Vögel können wir wieder beobachten.

Andere Richtung, andere Vegetation: ein Miniatur-Waldstück. Seine Bewohner kündigen sich durch ihre Exkremente auf unserem Trampelpfad an. Affen hängen entspannt in den Ästen, dunkle Männchen und die helleren, gelblich anmutenden Weibchen. Und dazwischen? Da turnt der Nachwuchs von Ast zu Ast. Neugierig schauen die kleinen Äffchen zu uns herunter und wir nach oben. Immer mit geschlossenem Mund. Denn wir lernen: Zum Kacken schwingen sich die Affen zu einer bestimmten Stelle in den Bäumen, um sich zu erleichtern. Dort häuft sich am Boden der Kot. Und da stehen wir gerade. Diese Affen haben ihr eigenes Klo, wenn man so will. 

Wir sind dankbar, dass wir diesen Ort besuchen durften und so herzlich empfangen wurden. Es ist etwas besonderes, nur zu zweit eine solche Tour zu machen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir verständigen uns mit Spanisch, Englisch, unseren Händen und per Übersetzungs-App. Und als wir uns von unserem neuen jungen Freund verabschieden, sagt er uns, dass es schön war und wir gemeinsam viel gelacht und gelernt haben. Wir sagen ihm, dass dieser Ort, an dem er lebt, ein echtes kleines Paradies und so wunderschön ist. Seine Worte „Ja, das ist es. Hier spricht die Natur“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Wir sehen noch einige Sumpfhirsche und -rehe und schon geht dieser wunderbare Ausflug zu Ende.

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Hier schreibt Andrea

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