Einmal mit Alles
Unser Flieger in die Freiheit setzt an einem Donnerstagmorgen in Buenos Aires auf. Diesmal haben wir es nicht eilig, das Flugzeug zu verlassen, um von einem Terminal zum nächsten zu sprinten und weitere Sicherheitskontrollen zu durchlaufen, um den Anschlussflug an irgendein Ende der Welt rechtzeitig zu erwischen.
Diesmal ist hier für uns Endstation Sehnsucht. So lange haben wir auf diesen Moment hingefiebert. Und als er endlich da ist, ist alles ganz selbstverständlich.
Raus aus dem Flugzeug, rein in die lange Schlange zur Passkontrolle. Wir werden nach der Dauer unseres Aufenthalts gefragt und nach unserem Hotel. Der Beamte gibt sich mit unseren Antworten zufrieden und wird erst etwas ungeduldig, als mein Daumenabdruck auch im dritten Anlauf nicht erkannt wird. Ich wische abermals meine schweißigen Finger an der Hose trocken. Er pustet über den Sensor und es funktioniert endlich. Weiter durch den Zoll. Das funktioniert so: Wir werden gefragt, wie viele Gepäckstücke wir haben. Der Mann drückt auf einen Knopf. Dieser leuchtet rot und schon haben wir eine Kontrolle gewonnen.
Alle Gepäckstücke werden geröntgt und ich werde gebeten, meinen großen Rucksack zu öffnen. Es besteht der Verdacht, dass ich etwas zu essen dabei habe. Die Inspekteurin ist sichtlich irritiert, dass da einfach nichts zu finden ist und ich bin mir wirklich keiner Schuld bewusst. Schließlich sind meine Reise-Snacks in meinem Handgepäck verstaut. Das möchte zum Glück niemand öffnen. Also, liebe Argentinien-Reisende: Gebt gut acht und esst immer schön auf, bevor es zur Kontrolle geht.
Buenos Aires: Das kenn‘ ich doch
Kaum waren wir wirklich angekommen, waren wir auch schon wieder weg. Die drei Tage zum Sightseeing in Buenos Aires haben nicht mal annähernd gereicht, um die Vielfalt dieser Metropole zu erkunden. Dennoch war unsere kurze Zeit hier vollgepackt mit tollen Sachen, die unsere vage Vermutung über Buenos Aires in echte Eindrücke transformierten.
Buenos Aires hat ein ganz eigenes Flair und ein eigenes Tempo. Wir hatten erwartet, dass es überfüllt und trubelig ist, laut und chaotisch. Ist es aber nicht. Kein Kulturschock. Vielmehr zahlreiche Momente des Wiedererkennens, die mit einem Gefühl der Sicherheit einhergehen. Denn in Buenos Aires steckt viel drin: Die reich verzierten Fassaden und Prunkbauten aus dem 19. Jahrhundert erinnern an Budapest und Wien, die Kuppeldächer des Bahnhofs und das Theater an Paris. Auch das Münchner Haus der Kunst und der Monopteros sind vertreten, ebenso wie etwas Iron-District-Charme aus New York. Und ein bisschen Dublin steckt ohnehin in jeder Stadt mit Pub-Kultur. Wo wir auch hinsehen, gibt es etwas zu entdecken.



Teatro Colón: Glanz und Gloria
Das Tetro Colón wird im gleichen Atemzug wie die Mailänder Scala, die Metropolitan Opera in New York und das Royal Opera House in London genannt. Es gilt als bedeutendstes Opernhaus Lateinamerikas. Bei einer Führung reisen wir mal wieder in der Zeit zurück, recken unsere Köpfe nach oben, um die bunten Glaskuppeln mit den detailreichen bildhaften Darstellungen zu bestaunen, die Kristalllüster zu bewundern und die Bronzebüsten bekannter Komponisten zu würdigen. Wir steigen über den roten Teppich die Haupttreppe empor, werfen einen Blick in den goldenen Saal und stehen sodann voller Vorfreude vor dem Vorhang zum Auditorium.
Als der Blick auf den Innenraum freigegeben wird, entfährt auch uns ein Seufzer der Bewunderung. Wir lassen unsere Blicke durch den Saal schweifen, über die samtbezogenen roten Stühle hinauf zu den Logen und Balkonen und wieder hinunter zu den mit schwarzen Metallstäben vergitterten Witwenplätzen. Diese liegen versteckt seitlich des Auditoriums mit dem Blick auf die Bestuhlung des Hauptsaals. Denn verwitwete Frauen durften sich zur damaligen Zeit nicht in der Öffentlichkeit sehen lassen, erfahren wir bei der Führung. Während die High-Society in den vollen Genuss der Darbietung kam, blieb für sie nur der akustische Genuss.



Theater-Geschichten
Leider können wir keinen Blick auf die imposante Bühne erhaschen, sie ist während unseres Besuchs mit einem massiven Metallvorhang vom übrigen Theater abgeschirmt, um jedes Feuerrisiko zu minimieren. Dennoch können wir die perfekte Akustik erahnen. Sie ist so klar und rein, dass sie keine Fehler verzeiht. Selbst dem italienischen Tenor Luciano Pavarotti wird nachgesagt, dass ihn die Akustik einschüchterte. Seine Befürchtung: Würde er nur den kleinsten Fehler machen, so würde es jeder hören.
Aber nicht nur die Akustik ist beeindruckend. Auch der imposante Kronleuchter mit seinen 735 Glühbirnen und einem Durchmesser von sieben Metern lässt uns staunen. Er hängt in der Mitte des Saals und kann mechanisch herabgelassen werden, etwa für die jährliche Wartung. Es wird auch die Geschichte erzählt, dass darin während Aufführungen Sänger platziert werden. Das Publikum wird vom Gesang überrascht, der niemandem auf der Bühne zugeordnet werden kann, so heißt es.
Teatro Colón Fábrica
Nicht weniger beeindrucken als das Teatro Colón ist die Teatro Colón Fábrica, in der die Bühnenbilder gefertigt werden. In der großen Halle lassen sich Bühnenbilder vergangener Aufführungen begehen. Die riesigen detailgetreuen Kulissen und echten Kostüme vermitteln fast das Gefühl, selbst auf der Bühne zu stehen. Um die Dimensionen der Kulissen zu verdeutlichen: Die Bühne des Teatro Colón misst 35 Meter in der Breite und Tiefe und ist sagenhafte 48 Meter hoch. Einfach phänomenal.
Die Theaterfabrik beheimatet außerdem zahlreiche Miniatur-Modelle, die als Vorlage für die Bauten dienen und das fertige Bühnenbild visualisieren. Auch sie sind mit viel Liebe zum Detail gefertigt. Zu unserem Erstaunen ist das Interesse an der Teatro Colón Fábrica eher gemäßigt, soll heißen: Es ist nichts los. Nichts. Nada. Niente.



La Boca: Trubel und Tamtam
Unweit der Teatro Colón Fábrica tobt dafür das Leben. Im quirligen Viertel La Boca tummeln sich Touristen und Fußballbegeisterte aus aller Welt. Einmal selbst auf dem Balkon neben einem lebensgroßen Lionel Messi stehen und eine Kopie des WM-Pokals in die Höhe recken, scheint für viele Hobbysportler das selbsterklärte Lebensziel zu sein. Andere posieren neben Diego Maradona aus Pappmaché und huldigen der Hand Gottes. Wieder andere setzen sich mit kostümierten Tango-Tänzern in Szene. Es ist ein Schauspiel.
Umgeben von diesem Schauspiel und mittendrin ist das legendäre Fußballstadion Estadio Alberto José Armando, bekannter unter dem Namen la Bombonera. Die Tribünen sind so steil, dass die Zuschauer ganz nah am Geschehen sind, was für eine besonders intensive Mittendrin-statt-nur-dabei-Atmosphäre sorgt. Dieses elektrisierende Gefühl, das während eines Live-Fußballspiels herrscht, kommt schon an einem ganz normalen Freitagnachmittag ohne Fußball auf und wir können die positive Energie spüren.
Uns hat es besonders die Caminito angetan, eine Straße mit leuchtend bunt bemalten Häusern. Die rund 100 Meter lange Fußgängerzone ist zwar von Touristen wie uns überfüllt und die Straße ist mit Souvenirläden und -ständen eingefasst. Trotzdem wäre es ein Versäumnis, sich diese Attraktion beim Sightseeing in Buenos Aires entgehen zu lassen.



La Recoleta: Stille und Stein
Wesentlich ruhiger geht es auf dem Friedhof La Recoleta zu. Er liegt gegenüber unserem Hotel und aus dem obersten Stockwerk haben wir einen Panoramablick auf die Gruften, Gräber und Mausoleen. Was schon von oben imposant wirkt, entfaltet seine ganze Größe bei unserem Besuch des Friedhofs. Zwischen Stein, Statuen und Spinnweben schwingt das leise Memento mori mit, eine eindringliche Erinnerung daran, warum wir unterwegs sind: nicht, um Orte zu sammeln, sondern um Zeit bewusst zu erleben und langsamer zu werden. Die Vergänglichkeit des Moments nehmen wir als Teil unserer Reise an.
Die Vergänglichkeit des Vergangenen ist auch hier deutlich spürbar. Und mehr als das: An vielen Grabstätten nagt der Zahn der Zeit, sie sind baufällig geworden. Wo die Türen einst verschlossen waren, sieht man heute direkt in den Abgrund des Todes. Durch die zerbrochenen Scheiben der Türen erhaschen wir immer wieder Blicke ins Innerste der Mausoleen: kleine Altare mit Christus- und Marienfiguren, bunte Glasfenster mit Heiligendarstellungen, Treppenstufen nach unten. In vielen Gruften zeigen sich verwitterte Särge, große und kleine, die das schwere Schicksal der Familien nur erahnen lassen.



Bei unserem Besuch wird deutlich: Der Cementerio de La Recoleta verwahrlost. Nicht nur Mauern sind eingefallen, auch einige Särge sind zerstört und sogar Knochen sind sichtbar. Für viele der gut zweihundert Jahre alten Gräber scheint sich niemand zuständig zu fühlen. Doch es gibt auch jene Mausoleen, die sich noch immer in ihrer ganzen Pracht zeigen. Mit Säulen und Skulpturen, mit Büsten der Bestatteten, Lorbeerblättern und Lauten ist der Friedhof geschmückt.
Auch viele bedeutende Persönlichkeiten haben auf dem Friedhof La Recoleta ihre letzte Ruhestätte gefunden. Insbesondere die Grabstätte der Nationalheldin Eva Duarte de Perón, Evita, zieht die Besucher magisch an. Das Grab der Familie Duarte liegt eher unscheinbar in einer Seitenstraße. Doch die Menschenansammlung vor dem Pantheon aus schwarzem Stein zeigt uns, dass wir richtig sind.



Rundfahrt: Hop-on und Hop-off
Es ist kaum möglich, alle Sehenswürdigkeiten in Buenos Aires in drei Tagen zu erleben. Mit einem Sightseeingbus steigt die Chance, zumindest die wichtigsten Highlights zu sehen. Mit unserem 24-Stunden-Ticket kurven wir durch die Stadt, sparen uns ein paar Schritte und erfahren dabei noch Wissenswertes.
Leider verankern sich die Informationen maximal in meinem Kurzzeitgedächtnis – es sei denn, es ist wirklich nutzlos. Zum Beispiel:
- Die Fußballmannschaft Boca Juniors spielte in der Anfangszeit des Vereins in rot-weißen Trikots – das waren aber auch die Farben des rivalisierenden Clubs River Plate. Die beiden Vereine trugen ein Entscheidungsspiel um die Farben aus, das die Mannschaft der Boca Juniors verlor. Nach dem Spiel mussten sie sich umgehend neue Farben suchen. Da an diesem Tag ein Frachter unter schwedischer Flagge in den Hafen einlief, entschied sich der Verein für die Farben Blau und Gelb.
- Die Brücke La Puente de la Mujer soll ein Paar darstellen, das Tango tanzt.
Alle historisch wichtigen Daten sind mir leider entfallen, wir sind während der Hop-on-Hop-off-Bustour allerdings an allerlei schönen Dingen vorbeigekommen, die wir dann später teilweise doch noch mal abgelaufen sind. So viel Zeit muss sein, um die Statue von Don Quijote und Rosinante noch mal genauer in Augenschein zu nehmen. Oder um die Floralis Genérica, eine viele Meter große silberfarbene Metallskulptur einer Blüte samt Blütengefäßen zu bewundern. Auch den Obelisk wollten wir nicht nur vom Bus aus sehen, sondern ein mal davor stehen.
Highlights in Buenos Aires
Bei unseren Rundfahrten und Rundgängen konnten wir so viele Gebäude, Skulpturen und Statuen entdecken, dass wir hier gar nicht alles aufzählen können. Nur kurz unsere weiteren Highlights bei unserer dreitägigen Sightseeing-Tour durch Buenos Aires:
#1 Plaza de Mayo
Der historische Platz ist das politische und gesellschaftliche Zentrum von Buenos Aires, umrahmt von bedeutenden Gebäuden wie der Casa Rosada.
#2 Casa Rosada
Der Präsidentenpalast Argentiniens besticht durch seine rosafarbene Fassade und den berühmten Balkon, von dem aus Eva Perón sprach. Die rosa Farbe soll durch die Mischung von Kalk mit Ochsenblut entstanden sein, was besonders witterungsbeständig sein soll.
#3 Palacio Libertad
Das ehemalige Hauptpostamt aus dem frühen 20. Jahrhundert erfreut uns mit seiner neoklassizistischen Architektur.
#4 Congreso de la Nación Argentina
Das Parlamentsgebäude mit großer Kuppel und klassizistischer Fassade prägt das Ende der Avenida de Mayo.
#5 Plaza de Congreso de la Nación
Vor dem Parlamentsgebäude liegt der großzügige Platz mit dem Denkmal der Unabhängigkeit, Statuen und Springbrunnen, die dem Platz seinen repräsentativen Charakter verleihen. Ein Teil des Platzes, der Mariano Moreno, wird von einer Bronze-Replika des Denkers von Auguste Rodin geschmückt.
#6 Confíteria del Molino
Die Jugendstil-Patisserie entstand im Jahr 1926 und liegt gegenüber dem Kongress. Ihre Fassade mit der Mühle erinnert uns etwas an das Moulin Rouge in Paris. Also ein kleines bisschen zumindest.



Buenos Aires Sightseeing ist wie eine kleine Reise in die Metropolen dieser Welt – nur dass hier alles gleichzeitig passiert: europäische Eleganz trifft auf lateinamerikanisches Temperament. Es zeigt sich eine Stadt voller Gegensätze, die genau darin ihre Magie entfaltet. Buenos Aires will nicht abgehakt werden, es will erlaufen, erlebt und immer wieder neu entdeckt werden.
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