Auf der Ruta 7 durch den Regen
Schnürlregen, Platzregen, Starkregen. Tagelang. Pausenlos. Das und die Fjordlandschaft mit Bergen und Meer befeuern unser noch nicht verarbeitetes Norwegen-Trauma vor ein paar Jahren. Damals: Auf zwei Wochen Dauerregen folgt Corona und damit der Urlaubsabbruch. Heute: wieder Fjorde, wieder Dauerregen. Dafür sind wir einfach nicht gemacht. Das ewige grau in grau schlägt aufs Gemüt, egal ob in Nordeuropa oder Südamerika. Wenn schon Regen, dann in einem Land ohne Socken wie Chuuk, Palau oder Thailand. Hier und jetzt ist der Regen einfach zu viel, als das man ihn sich mit einem ‚aber die Natur braucht’s‘ oder einem ‚es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung‘ schön reden könnte. Uns reicht’s. Gewaltig.
Die so herrlich beschriebenen Zwischenstopps auf der Carretera Austral sparen wir uns. Hängender Gletscher namens Ventisquero Colgante? Nicht zu sehen. Gipfel mit Lagune am Cerro Castillo? Heute abwesend. Wanderweg hier, Aussichtspunkt da? Ach nö, lass mal stecken. Und wenn wir doch einen Versuch wagen, etwas anzuschauen, wird dieser Versuch von höherer Gewalt sabotiert. Diese kommt zum Beispiel in Gestalt eines Rangers und der Öffnungszeiten eines Nationalparks daher. Nur 800 Meter trennen uns vom Aussichtspunkt auf den hängenden Gletscher. Zehn Minuten hin, Foto machen, zehn Minuten zurück. Blöderweise ist der letzte Einlass für diesen Tag aber gerade vorbei und der Parkranger zeigt kein Erbarmen.
Randnotiz
Vor dem Besuch des hängenden Gletschers muss man sich online für den Park registrieren und bezahlen. An der Rangerstation ist das nicht möglich. WLAN oder Handyempfang gibt’s am Parkeingang auch nicht.
Ein Tag auf dem Campingplatz
Das Highlight des heutigen Tages ist für uns gestorben, also steuern wir einen Campingplatz an, der kurz vor dem Park liegt. Die Verständigung mit dem Inhaber, einem älteren Mann mit dunklem Schnauzbart, grobschlächtigen Händen und einem beige-braunen Wollponcho, der beim letzten Waschen sichtbar eingegangen ist, gestaltet sich schwierig: Wir verstehen nichts von dem Kauderwelsch, das aus seinem Mund fließt. Der viel zu kleine und zu kurze Poncho lenkt mich zusätzlich von seinen Worten ab. Während wir uns in unseren wind- und wasserfesten Outdoorjacken an einen anderen Ort wünschen, steht er mit seinem Überwurf lachend und freundlich da. Ohne erkennbare Eile führt er uns herum und zeigt uns alles.
Wir sind die einzigen Gäste auf dem Campingplatz. Nicht mal ein Radfahrer hat sich hierher verirrt, obwohl sie überall auf der Carretera Austral anzutreffen sind. Immer dann, wenn wir uns angesichts des Dauerregens gerade wieder selbst bemitleiden wollen, kommt uns jemand tapfer entgegengestrampelt. Die Radler triefen vor Nässe, ihr Lächeln scheint längst eingefroren zu sein. Wir interpretieren jeden einzelnen als lebendes Mahnmal, das uns sagen will: ‚Schau her, es könnte noch viel schlimmer sein!‘
In unserem Marco Polo Horizon haben wir es immerhin kuschelig warm und abgesehen vom Kondenswasser an den Scheiben schön trocken. Eine heiße Dusche komplettiert unser Glück. Dafür befeuert der Campingplatz-Chef den Warmwasserboiler mit ein paar Scheiten Holz: Herrlich, so eine heiße Dusche an einem so trostlosen Tag. Denn inzwischen regnet es wieder, nein es schifft sogar. Bis zum nächsten Morgen und darüber hinaus weint der Himmel immer weiter, mal stärker und mal schwächer, selten gleichmäßig. Trotzdem können wir vom Campingplatz aus einen kurzen Blick auf den Gletscher erhaschen. Es wird bei dieser einen Begegnung bleiben, denn anschließend verschwindet er wieder in den Wolken, die sich bis zu unserer Abfahrt nicht verziehen.



Randnotiz
Leider hat der Reiseführer vergessen zu erwähnen, dass es in dieser Region mindesten 160 Regentage im Jahr gibt, von denen gefühlt nicht weniger als 160 auf den März entfallen. Auch ist der Lonely Planet der Meinung, dass die Carreterra Austral zwischen Coyhaique und Puerto Montt durchgehend geteert ist – das ist sie aber nicht. Wir verlassen uns inzwischen auf andere Quellen, der Lonely Planet enthält zu viele Ungenauigkeiten und Fehler.
Ein Tag auf der Straße
Wir wollen nur noch weg. Und zwar schnell. Und so enden wir bei strömendem Regen und nach vielen Kilometern Schotterpiste nachmittags in Caleta Gonzalo an der Fähre in Richtung Hornopirén. Bis hierhin bugsieren wir unseren Mercedes Marco Polo auf der Ruta 7, um unzählige Schlaglöcher herum oder mitten hindurch. Denn es sind einfach zu viele und sie liegen dicht an dicht. Wir jagen den Campervan durch Rinnsale, die die Straße auswaschen. Wir lenken ihn an Bäumen vorbei, die auf die Straße gekippt sind. Einfach so. Weil die Wurzeln den Wassermassen nicht standhalten konnten. Wir umfahren Muren und Steinschlag, der sich aus den senkrechten Felswänden gelöst hat, die die Straße stellenweise einfassen. Andere Autos sehen wir auf diesem Abschnitt der Carretera Austral (Ruta 7), die sich bei Regen durch den Regenwald schlängelt, kaum. Manchmal bezweifeln wir selbst, dass wir noch auf der Hauptverkehrsader unterwegs sind.
Irgendwann endet die Straße recht abrupt. Hier geht es nicht weiter, zumindest nicht auf dem Landweg. Rechts sehen wir das verlassene Besucherzentrum, links ein kleines Cafe. In der Nebensaison ist nicht viel los. Alles wirkt wie ausgestorben. Einen Ticketschalter suchen wir vergeblich, ebenso einen Kiosk. WLAN oder Handyempfang gibt es auch nicht. Natürlich, alles andere hätte uns verblüfft. Blöd nur, dass es die Tickets für die Fähre ausschließlich im mehr als 50 Kilometer entfernten Chaiten oder online zu kaufen gibt. Wir platzieren also unsere Starlink-Antenne hinter der Windschutzscheibe, stecken sie ein und lobpreisen deren Schöpfer, ehe wir ein Ticket für die Überfahrt um 22 Uhr buchen. Sie erfolgt in mehreren Etappen.



Randnotiz
Bis es losgeht, reihen wir uns in die Warteschlange mit einigen anderen Autos und Campervans ein. Bei Regen. In einem dunklen Regenwald. In einer Kurve. Und beobachten bei einer schönen Tasse Kaffee, wie ein LKW gerade noch im letzten Moment eine, nennen wir es, kernige Bremsung hinlegt und einen Schlenker nach links macht, um unseren Hintermann nicht in uns reinzuschieben.
Eine Nacht auf der Fähre
Pünktlich um 22 Uhr beginnt das Boarding. Die erste Fähre bringt uns von Caleta Gonzalo über einen Fjord. Zurück an Land fahren wir in einer Kolonne zehn Kilometer durch die Nacht zum nächsten Hafen. Die Straße ist zwar asphaltiert, aber seitlich so zugewachsen, dass sie eher ein- als zweispurig ist. Rechts und links ragen Bambus, Riesenfarn und Bäume in den Weg. Die schwere Last des Regens lässt die Pflanzen noch etwas weiter vor uns verbeugen. Die zweite Fähre legt zwischen ein und zwei Uhr in der Nacht ab. Denn sie muss warten, bis alle Fahrzeuge vom Ausgangspunkt da sind. Dafür muss dir erste Fähre mehrfach übersetzen.
Als wir endlich nach Hornopirén ablegen, fühlen wir uns wie zwei Teenager auf dem Rückweg vom Zeltlager, die zu geizig sind, sich eine Kabine zu leisten und ihr Taschengeld lieber in Chips und Cola stecken. Mit diesem Gefühl schlummern wir im Gemeinschaftsraum auf einer schmalen Sitzbank beim sonoren Brummen des Schiffsmotors ein. Dazu gibt’s gedimmte Neonbeleuchtung und einen laufenden Fernseher, aus dem chilenische Comedy quäkt. Diese steht dem deutschen Fernsehprogramm in Nichts nach: Keiner lacht. Wir haben nur Glück, dass die Fähre nicht ausgebucht ist und sich jeder Fahrgast auf seiner eigenen Sitzbank ausstrecken kann. Im Morgengrauen legen wir an, fahren ein Stück in Richtung Strandpromenade und schlafen uns aus. Der Regen trommelt auf das Autodach, beim Zubettgehen und beim Aufstehen. Am liebsten würden wir für immer liegen bleiben.



Randnotiz
Es gibt keine Kabinen auf der Fähre. Und während es auf Fähre Nummer eins zumindest zurückstellbare Einzelsitze wie im Flugzeug gab, gibt es die auf Fähre Nummer zwei nicht. Hier hat sich die Reederei für beige Loungemöbel entschieden – ganz im Sinne des Kunden.
Ein Tag am Meer
Irgendwann sind wir beide so genervt von der Gesamtsituation, dem Wetter und dem Auto, das nach ein paar Tagen Dauerregen anfängt, so lustig zu riechen, dass wir uns eine Auszeit gönnen. Wir überlegen, die heißen Thermen in Pichicolo zu besuchen. Allerdings ändert das heiße Wasser untenrum leider nichts am kalten Wasser obenrum. Denn die Thermen sind ein reiner Outdoorspaß, der noch dazu umgerechnet 60 Euro kostet. Das ist uns für ein bisschen warmes Wasser dann doch zu viel.
Wie schön wäre bei dem Wetterdesaster der vergangenen Tage aber ein bisschen mehr warmes Wasser und überhaupt ein bisschen mehr Indoor und ganz konkret so ein Tag am Meer? Denn Meer macht einfach alles erträglicher, ob es regnet, stürmt oder schneit. Und da ich schon immer so gut mit Zahlen umgehen konnte, investieren wir das in den Thermen gesparte Geld kurzerhand in eine Cabaña, die auf einer vorgelagerten Halbinsel direkt in Punta Nao am Strand liegt. Die restlichen 15 Euro sind schnell in zwei gute Flaschen chilenischen Rotwein angelegt, eine Wine-Wine-Situation sozusagen.
Die Cabaña ist gebongt, also bestelle ich noch eine asphaltierte Straße, Sonne, Delfine und einen Hund, der sich so sehr über unseren Besuch freut, dass er Markus beim Öffnen der Autotür am liebsten gleich auf den Schoß hüpfen möchte, ehe er uns zur Begrüßung bei der Cabaña durchs Gesicht schlabbert. Unser neuer vierbeiniger Freund begleitet uns bei einem Strandspaziergang. Die Sonnenstrahlen wärmen uns von außen, ein gutes Gläschen Wein in unserer kleinen Holzhütte von innen. Schinkennudeln machen zumindest diesen einen Tag dann doch noch irgendwie gut. Mehr braucht es nicht, um für die nächste Regenwand und weitere Abenteuer gewappnet zu sein.



Randnotiz
Wir sind dem Wetterloch genau entkommen, haben die Sonne gefunden und dürfen genau wie beschrieben einen ganzen Nachmittag und einen halben Vormittag mit ihr genießen. Danach geht der Dauerregen weiter.
Digitale Kaffeekasse
Unsere aktuelle Reise führt uns quer durch Südamerika – über endlose Straßen und die Anden bis ans Meer. Wenn dir unsere Geschichten gefallen, freuen wir uns über Großes, Kleines, klein Gefaltetes oder einfach eine digitale Spende über PayPal. Das hilft uns dabei, weiter unterwegs zu sein und unsere Reisegeschichten mit dir zu teilen. Danke für deine Unterstützung!

