Kathedrale aus Stein und Wasser
Es ist kalt geworden in Patagonien. Das Thermometer zeigt tagsüber nicht mal mehr acht Grad an. Dazu regnet es Bindfäden. Traumhafte Bedingungen, um sich in ein Kajak zu setzen und die Capilla de Mármol, die Marmorkapelle, auf dem Lago General Carrera zu erkunden. Aber wir sind ja nicht zum Spaß hier in Chile. Oder vielleicht doch?
Also machen wir es uns in unserem Mercedes Marco Polo erst mal auf dem Parkplatz eines Campingplatzes gemütlich und wollen die Sache am nächsten Tag in Angriff nehmen. Doch es bleibt auch dann schwierig. Die Tour um sieben Uhr? Definitiv zu früh. Da müssen wir uns in unserem warmen Bettchen noch mal von links nach rechts drehen. Und um elf Uhr? Für uns leider nicht machbar. Da haben wir uns gerade erst von der eiskalten Dusche am Morgen erholt. Also dann um 15 Uhr? Prinzipiell schon, aber da frischt der Wind auf und außerdem wollen wir nachmittags schon nach Norden weiterfahren. Der angekündigte Dauerregen erschwert die Planung zusätzlich und raubt uns die Motivation, den Wecker zu stellen.


Eine Portion Glück
Und dann ist am nächsten Morgen einfach das Wetter gut. Die Sonne scheint. Es weht kaum Wind. Wir sind eigentlich für alles viel zu spät dran. Der Campingplatz ist schon verwaist. Eine Tour haben wir sowieso nicht gebucht. Denn der Anbieter hat unsere WhatsApp-Nachricht einfach unbeantwortet gelassen.
Aber auch an diesem sonnigen Tag ist uns das Glück hold. Wir fahren direkt zum Puerto Mármol, einem kleinen Hafen, in dem die Kajaktouren starten. Dort treffen wir auf Felipe, einen sehr netten englischsprachigen Guide, mit dem wir unser Anliegen besprechen. Eine halbe Stunde später soll es losgehen. Wir haben somit genügend Zeit, um ein paar Fotos zu machen, das Finanzielle zu regeln und uns im Auto outdoortauglich umzuziehen.



Noch mal von vorn
Um zwölf Uhr treffen wir auf die anderen Teilnehmer: es ist ein Pärchen, mit dem wir nun zu viert sind. Im Gegensatz zu den vielen Gruppen, die wir bis dahin beobachten konnten, ist unser Ausflug überschaubar. Schnell sind wir für die Tour ausgestattet: Spritzschutz aus Neopren, wasserdichte Jacke, Rettungsweste, Paddel. Es folgt eine kurze Sicherheitseinweisung und schon sind wir im Wasser und paddeln los. Kaum gleiten wir aus der geschützten Bucht ums Eck, frischt der Wind merklich auf und fegt zeitweise ganz schön über den See. Gegenwind. Welle. Kaltes Wasser schwappt ins Kajak. Es bahnt sich seinen Weg über meinen unteren Rücken zum Po. Ich sitze im Wasser. Nach der eiskalten Dusche am Morgen kann ich darüber nur lachen.
Der Abstand zu unseren Mitpaddlern vergrößert sich stetig. Auch unser Guide lässt sich nach hinten abfallen. Also drehen wir um, paddeln zurück an den Strand, an dem unsere Mitstreiter sicher anlanden und sich spontan für die Tour mit dem Motorboot entscheiden. Felipe entschuldigt sich für die Incompetence (Inkompetenz), meint vermutlich Inconvenience (Unannehmlichkeiten) und fragt, ob die Bedingungen für uns ok sind, um es noch mal zu probieren. Aber sicher wollen wir es noch mal probieren und starten erneut in Richtung der Marmorhöhlen.



Allein zu zweit
Nach 20 Minuten sind wir da. Die Sonne scheint, der Wind hat abgeflaut, die Wellen schaukeln uns sanft. Wir schippern um die Marmorkapelle herum und in die Marmorhöhle hinein. Ganz allein. Nur wir beide in unserem Zweierkajak. Denn alle anderen Gruppen sind schon lange zurück an Land. Felipe lässt uns genügend Zeit, um alles in unserem Tempo ungestört zu erkunden. Während der Tour erzählt er uns allerlei Wissenswertes über:
- die Entstehungsgeschichte der Capilla de Mármol: Die Marmorkapelle ist vor sehr langer Zeit bei hohem Druck und hoher Temperatur aus Kalkstein entstanden, der sich zu Marmor gewandelt hat. Die Höhlen wurden durch Erosion geformt, bei der das Gestein immer weiter ausgewaschen wurde.
- die Qualität des Marmors: Der Marmor ist zu weich und zu instabil, um ihn in Steinbrüchen abzubauen und danach weiterzuverarbeiten.
- den See: Der Lago General Carrera ist der größte See in Chile, der zweitgrößte See in Südamerika und mit rund 500 Metern der elfttiefste See der Welt.
- die Bäume am Ufer: Pappeln sind von Weitem sichtbar, werden nur in Buchten angepflanzt und dienen der Navigation über den See.
- den Condor: Die Vögel werden etwa 1,50 Meter groß, haben eine Flügelspannweite von drei Metern, wiegen rund 32 Kilo, werden bis zu 75 Jahre alt und leben monogam. Wenn das Männchen stirbt, sucht sich das Weibchen einen neuen Partner. Wenn zuerst das Weibchen stirbt, legt das Männchen die Flügel an und stürzt sich in den Tod.
Vor lauter interessanten Geschichten merken wir gar nicht, wie wir schon wieder in der kleinen Bucht des Puerto Mármol angekommen sind. Fast ohne Anstrengung haben uns Wind und Welle zurückgebracht. Jetzt darf der angekündigte Regen kommen – und lässt nicht lange auf sich warten.
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