Feuerland in Argentinien, das Ende der Welt

Feuerland: das Ende der Welt

Reisen

Idylle zwischen Beagle-Kanal und Bergen

Pampa, Patagonien, Feuerland oder einfach nur das Ende der Welt. Fin del Mundo wie es im Spanischen so schön heißt und poetisch klingt. Im Fernsehen sah es irgendwie anders aus. Die Dokumentationen in den dritten Programmen ließen mich nicht nur das Ende der Welt, sondern auch das Ende der Zivilisation vermuten. Vielleicht vermischten sich in meiner Vorstellung aber auch Realität und Phantasie. Zu lebhaft die Bilder in meinem Kopf, die Jules Vernes „Der Leuchtturm am Ende der Welt“ hinterlassen hatte – und der genau hier seine Inspiration fand, wo wir gerade sind.

Vielleicht nicht gerade am Ende der Welt, aber doch am Ende der Ruta Nacional 3, jenem argentinischen Teil der legendären Straße, die sich als Panamericana von Alaska bis Feuerland zieht. 30.000 Kilometer von Nord nach Süd. Wir haben bis hierhin lediglich 7.000 Kilometer zurückgelegt. Dennoch stellt sich auf den letzten Kilometern Schotterpiste, die wir im Parque Nacional Tierra del Fuego fahren, dieses über alles erhabene Gefühl ein, etwas geschafft und erfolgreich beendet zu haben. Aus eigenem Antrieb, ohne äußeres Zutun. So wie unsere Alpenüberquerung zu Fuß oder unsere Tauchlehrerprüfung. Diese besonderen Momente, derer es viel zu wenige im normalen Alltag gibt. 

Das Ende der Ruta 3

Ich hatte mit Nichts gerechnet und wurde mit Bäumen, Bächen und Bergen überrascht. Was uns hier auf dem letzten Stück der Ruta 3 erwartet, hat so überhaupt nichts mit den von Jules Vernes geschilderten Szenen zu tun. Vielleicht aber trügt mich auch nur meine Erinnerung. Das Ende der Welt ist an diesen sommerlichen Februartagen nicht kalt und frostig. Es ist nicht karg und trostlos. Selbst Wind und Wetter – und beides ist unvorhersehbar wie unberechenbar – können unserer Freude hier zu sein, nicht trüben.

Wo die Straße in einem Parkplatz endet, ist zu Fuß noch nicht Schluss. Wir gehen die letzten Meter, bis der Beagle-Kanal als geografische Grenze vor uns liegt. Er ist eingefasst von kleinen Bergen, am Horizont lassen sich höhere Gipfel erahnen. Wir stehen einfach da, versuchen jedes Detail aufzusaugen, lassen den Augenblick auf uns wirken, bis die ersten Regentropfen uns dazu auffordern, zum Auto zurückzukehren.

Das Ende von Argentinien

Wir beschließen, erst mal hier zu bleiben, an diesem äußersten Zipfel Argentiniens. Abends streunt ein Silberfuchs an unserem Auto vorbei über die mäßig belegte Campingwiese und eine Herde wildlebende Pferde queren den Weg hinter uns – hier ist man eins mit der Natur. Zumindest der Großteil der Gäste, die hier legal wild campen. Viele haben im Schutz eines Busches ihr Zelt aufgeschlagen und trotzen Wind und Kälte. Denn gerade nachts ist es schon empfindlich frisch. Andere machen es sich in ihrem gigantischen Motorhome gemütlich und wollen auf keinerlei Luxus verzichten. Der Dieselgenerator dient als Mittel zum Zweck und durchdringt die Stille, die sonst nur vom Pfeifen des Windes gestört wird.

Am nächsten Tag machen wir uns auf, um den Nationalpark auf einem Wanderweg zu erkunden. Dieser führt an einem See entlang bis zur chilenischen Grenze. Der Pfad führt uns mehr über Stock als über Stein durch einen Urwald in seinem ursprünglichsten Sinne. Überall liegen umgestürzte Bäume, deren morsches Holz sich selbst überlassen wird. Hier räumt keiner auf, nur der Weg wird freigehalten und gesichert. Die Pflanzenwelt erinnert an daheim, Ilex, Preiselbeeren, wilde Johannisbeere, Farn, Gänseblümchen, Storchschnabel und Klee. Wir könnten ebenso an einem Bergsee in den Alpen entlang spazieren. Immer wieder gibt der Weg das Panorama auf den See frei und wir erhaschen den einen Moment, in dem die wenigen Sonnenstrahlen des heutigen Tages das Wasser grünlich schimmern lassen und sich der See kontrastreich gegen den grauen, wolkenverhangenen Himmel absetzt.

Das Ende der Zivilisation

Das Ziel ist nach einer guten Stunde erreicht. Lediglich ein Schild weist auf die Grenze zu Chile hin und untersagt den Übertritt. Im Gegensatz zum übrigen Weg sind wir hier nicht allein. Wir werden mit einem freudigen „¡hola!“ begrüßt, dem ein „Are you the guys with the Bus from Deutschland“ hinterhergeschoben wird. Es sind unsere Nachbarn von der Campingwiese, die sogleich ihren Unmut und ihr Unverständnis über den Generatorlärm der vergangenen Nacht mit uns teilen. Dieser hätte weiter angedauert, wenn sie nicht darum gebeten hätten, den Generator auszumachen.

Wir wundern uns gemeinsam, wieso man in die Natur fährt, wenn man offensichtlich viel lieber bei allen Annehmlichkeiten daheim wäre. Wie schön ruhig es wohl gewesen sein muss, als das Ende der Welt auch das Ende der Zivilisation war?

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Hier schreibt Andrea

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